Donnerstag, 25. September 2014

Von hier nach da

Hallo liebe Leserschaft, der heutige Blogbeitrag verknüpft unsere herrliche Alaskakreuzfahrt mit der Ankunft im wundersamen Abenteuerland am Nimpo Lake, wo wir uns derzeit befinden. Diese Geschichte kann aber erst zu einem späteren Zeitpunkt erzählt werden.

Nach der erfolgreichen Ausschiffung in Vancouver werfen wir der Pacific Princess ein kurzes „Adieu“ zu und machen uns per Pedes, und mitsamt unserem abgespeckten Cruise-Gepäck, auf zum ausgelagerten Heliportparkplatz, da unser Gefährt aufgrund seiner exorbitanten Ausmaße  (prähistorische Dachbox) nicht im gemeinen Parkhaus abgestellt werden konnte. Das Vehikel finden wir, gottseidank, unversehrt vor und es springt, noch gottseidankiger, spontan an. Auch das Zusatzgewicht der mannigfaltig erworbenen alaskischen Aufkleber wird stoisch geschultert. Vor uns liegt eine Tagesetappe ungewissen Ausgangs, lediglich das nächste Zwischenziel Jasper Nationalpark (große Vorfreude) ist für den Folgetag bekannt. Wir wagen also mal wieder einen „echten“ Roadtrip, bei dem die Herberge spontan gefunden wird. Als wir am frühen Nachmittag nach vier Fahrstunden den obligatorischen WLANundBagel-Boxenstopp bei Tim Horton’s in Kamloops einlegen und uns bei dieser Gelegenheit mal die weitere Route betrachten, erscheint es uns aufgrund der nun sehr dünn werdenden Besiedlung aber doch sinnvoll, schon mal das Nachtquartier zu ermitteln. Viele Ortschaften stehen nicht zur Auswahl und diese bieten wiederum keine Unmengen an Übernachtungs-möglichkeiten, so dass wir ganz unspektakulär ein preislich vernünftiges Hotel in Blue River (250 Einwohner) ins Auge fassen und direkt buchen. Wir wissen nun also wie lang wir heute noch fahrtechnisch ran müssen und nehmen noch die Gelegenheit des letzten Walmarts vor den Rockies wahr, um uns für Jasper mit Lebensmittel-Basics einzudecken, denn eines wissen wir: In Jasper isses ganz schön teuer. Mr. T ersteht dort dann auch noch spontan eine lange Unterhose, dies erscheint vor dem folgenden Hintergrund sinnvoll: Der ursprüngliche Liebestöter hat sich bekanntlich irgendwo in Vermont todesmutig aus der, leider mangelhaft verschlossenen, Dachbox gestürzt und in den Rockies ist überraschend früh der Winter ausgebrochen.


Wir lassen also Kamloops hinter uns und sind wiedermal überrascht, wie bergig sich das Relief British Columbias gestaltet. Zweieinhalb Stunden geht es nun hoch und runter bis wir letztendlich Blue River erreichen und unser Quartier aufschlagen. Das Hotelzimmer ist speziell für den Preis absolut top und es gibt eigentlich überhaupt keinen Grund zu klagen, dennoch nervt es auch nach der Konstante Kreuzfahrt schon wieder, abends an einem unbekannten Ort für gerade mal eine Nacht sein Lager aufzuschlagen, nur um morgens gleich weiterzuziehen. Well, life is not a Ponyhof, gell?! Wir erdulden unser Schicksal demütig und haben (wie oben schon erwähnt) ja auch eigentlich allen Grund zur Vorfreude. Es stehen vier Tage in Jasper an, einem ganz besonders privilegierten Stückchen Erde, wo wir zudem unsere lieben Freunde K und M aus BV treffen. Wir schlafen mit dieser Aussicht dann doch richtig gut und machen uns gleich nach dem Aufstehen wieder auf den wildromantischen Yellowhead-Highway. Links und rechts der Straße Bilderbuchkanda at its best und im Schatten des gewaltigen Mount Robson werden wir mit einer ganz tollen Wildlife-Sichtung belohnt: Eine Schwarzbärenmutter und ihre zwei kleinen Cubbies lassen es sich am Straßenrand schmecken und nachdem Mama Bär uns bezüglich unserer Absichten abgescannt hat und wir uns ganz vorbildlich zurückhaltend benehmen, dürfen wir den dreien einen ganzen Moment lang zuschauen. Very exciting!


In Jasper angekommen nutzen wir die Zeit vor dem Check-In nochmal für eine große Wäsche, bummeln durch den Ort und schwelgen ein bisschen in Erinnerungen, da Jasper (ebenso wie Banff) schon Teil unseres Urlaubs in 2012 war. Wir wissen daher auch schon, wo wir nun vier Tage wohnen und freuen uns wie die Schnitzel auf unsere Cabin in traumhafter Lage und das Treffen mit K und M. In den folgenden Tagen haben wir sehr viel Spaß und eine spitzen Zeit. Da sich K in besonderen Umständen befindet, lassen wir es nicht ganz so wild angehen, bewegen uns aber trotzdem fleißig, so dass wir uns die opulenten morgendlichen Frühstücke und abendlichen Barbecues wohlverdienen. Wie üblich vergeht eine besonders tolle Zeit besonders schnell und in Nullkommanichts geht es für uns schon wieder weiter. Bon voyage K und M, bon voyage Frau und Mr. T. – weiter geht’s! Wir haben nun ja tatsächlich vor wiedermal etwas zu arbeiten für unseren Unterhalt und so heißt es Kurs gen Westen! Da die Straßen in Kanada aber nicht immer genau dem gewünschten Verlauf folgen, müssen wir um nach Westen zu gelangen erstmal eine Schleife nach Süden drehen. Dies fügt sich in diesem Falle aber ganz famos in unsere Reisepläne. Frau T. hatte nämlich das Vergnügen, während ihrer Kindheit mehrere Sommerferien in einem Ferienhaus in Kanada verbringen zu dürfen, in der Nähe von (Achtung, Ortsnamenklassiker) 100 Mile House. Just dort führt uns die aktuelle Etappe vorbei und so legen wir einen zweinächtigen Stopp ein, um uns etwas auf nostalgische Spuren zu begeben. Wir machen auch ganz viele bekannte Plätze ausfindig und Frau T. ist selig. Was wiederum Mr. T. selig macht. Zu unserer Seligkeit trägt bei, dass wir uns bei unseren aktuellen Gastgebern Bettina und Mario auf der (spontan gebuchten) Beaver Guest Ranch pudelwohl fühlen. Der Bed-and-Breakfast Betrieb mit Spezialisierung auf Reiterferien ist just in diesen beiden Tagen nur dünn belegt, wir besetzen das einzige von vier Zimmern und können uns also komplett ausbreiten, die Küche ungestört in Beschlag nehmen und stillen unser eventuell subtil schlummerndes Heimweh mit einer Dosis Heinz Ehrhardt auf DVD. Die Gastgeber haben sich ihren Auswanderertraum vor einigen Jahren wahr gemacht, umsorgen uns ganz entzückend und sind bei jeder Gelegenheit für diverse informative Plauschs über Land und Leute zu haben. Mario (Marke Tausendsassa, alles selbst gebaut, repariert, usw.) unterstützt Mr. T. letztendlich noch dabei vor der Abfahrt das Auto kurz zu checken, so dass wir uns nun, in Jasper und 100 Mile House moralisch und physisch frisch aufgetankt, ins nächste Abenteuer stürzen können!   

Samstag, 20. September 2014

18.8.-18.9.: der vierte Monat

Es ist offiziell! Ein Drittel unseres Reisejahres ist vorbei.... Das ist kein Grund traurig zu sein, sondern mal wieder ein bisschen zurückzublicken:

Anzahl der Zeitzonenüberschreitungen: 7
Museumsbesuche: 8 (Stagnation, wir waren zu viel in der Wildnis und im Auto) Gewanderte Trails: 19 (deren Gesamtlänge: 132,4 km)
Tankfüllungen: 34 (!!!)  
Verspeiste Burger: zu viele  
Verschickte Postkarten: 29 (ich will keine Beschwerden mehr hören!)  
Im Auto zurückgelegte Kilometer: 14.600 (locker mal verdoppelt)
 
Verbrachte Nächte
Hotel: 6  
Ferienhaus: 13  
Couchsurfing: 1  
Air BnB: 50  
Workaway: 22
Cabin: 6  
Camping/Auto: 10
B&B: 8
Schiff: 7
Motel: 1 

Mittlerweile passt unsere zurückgelegte Route gar nicht mehr auf ein Foto:



Donnerstag, 18. September 2014

Love Boat reloaded!


Kennt Ihr alle noch das amerikanische „Traumschiff“? „Love Boat“ wurde die Pacific Princess in der gleichnamigen US-Fernsehserie Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger genannt und natürlich standen Lovestories auch im Vordergrund. Während Mr. T. glühender Vicki (Kapitänstochter)-Fan war, fand ich den lustigen Steward Gopher immer ganz nett, beneidete Kreuzfahrtdirektorin Judy (das Pendant zur guten Seele Beatrice) jedoch um ihren Job. Die Passagiere des Love Boats waren zwischen 30 und 80 und um die Protagonisten rankten sich immer zu Tränen rührende persönliche Schicksale (so ein bisschen wie heutzutage bei jedem x-beliebigen Castingshowteilnehmer). Ihre Geschichten gingen aber immer gut aus und alle einsamen Seelen fanden letztendlich nach endlos scheinenden Irrungen und Wirrungen zusammen.
Zeit, dass wir uns mal in diesem Sündenpfuhl umschauen und dabei ein bisschen in Alaska herumschippern. Glücklicherweise wurde das Schiff Ende der 90er gegen ein neues eingetauscht, der Name Pacific Princess ist aber geblieben. Die Vornacht zur Kreuzfahrt verbringen wir im gediegenen Pan Pacific Hotel in Vancouver, direkt am Cruiseport. Wir haben den verwegenen Plan, als ERSTE Passagiere das Schiff zu betreten. Das Boarding beginnt um 11:30 Uhr und unsere Anreise zum Schiff dauert nur eine Aufzugfahrt. Pünktlich um 11:10 Uhr checken wir aus dem Hotel aus und begeben uns zum Pier…..und müssen feststellen, dass wir unsere Rechnung ohne ca. 450 reisefreudige Rentner (im Fachjargon Whitecaps genannt) gemacht haben. Die sitzen nämlich alle schon im Warteraum. Gut, diesen Kampf haben wir schon einmal verloren, vielleicht können wir diverse Rollatoren, künstliche Hüftgelenke und Krücken aber noch an der Ziellinie überholen, damit wir zumindest die ersten am Büffet sind? Wir haben nach drei Wochen Roadtrip große Angst zu verhungern.
Die Pacific Princess ist ein Kreuzfahrtschiff alter Schule. 680 Passagiere – sehr überschaubar, und alles sehr klassisch. Uns gefällt es gut, auch wenn es (etwas überspitzt formuliert) schwer fällt, Passagiere ausfindig zu machen, die noch über ihre zweiten Zähne verfügen. Wir haben keine Probleme, uns die Zeit an Bord so gut wie möglich zu vertreiben und leben im Wechselspiel zwischen schlafen, essen, Tischtennis spielen, Wale sichten, lesen, Karten spielen, ein bisschen bewegen, essen, essen, essen und dann wieder schlafen. Am ersten Abend werden wir im Restaurant vom Kellnerspalier mit frenetischem Applaus empfangen, denn wir haben „Table Nr. 1“ – und das ist dazu auch noch einer der wenigen Zweiertische. Ehre wem Ehre gebührt. Allabendlich kümmern sich der quirlige Philippino Henry sowie der seriöse Ukrainer Dimytry um unser leibliches Wohl und servieren uns vier exquisite Gänge, zweimal müssen wir uns sogar schick machen – fällt uns aber gar nicht schwer. Wir verfügen ja jetzt über eine ansehnliche Garderobe
Am ersten Seetag wohnen wir dem obligatorischem Bingospektakel bei…und stellen fest, dass wir rein gar nichts wissen. Wir haben in unserer Hand jeweils einen popligen Bingoschein, den wir am Abfahrtstag geschenkt bekommen haben, doch dahinter steckt ein ganzes Bingogeschäft ach was, eine -industrie! Käuflich kann man noch weitere Bögen Bingoscheine erwerben, jeweils unterschiedliche Farben in den verschiedensten Paketen. Es werden vier Runden gespielt, jeweils eine andere Bingoscheinfarbe, die vorher angesagt wird. Dazu werden in jeder Runde unterschiedliche Muster gespielt – bitte vergesst die schnöde Reihe senkrecht, waagrecht oder diagonal – Muster sind DAS Ding! Nicht nur stehen wir mit unserem einen Bingoschein (der uns lediglich zur Teilnahme an der letzten und – immerhin - der Jackpotrunde berechtigt) armselig da, nein, wir haben ganz unbedarft auch zwei Kulis zum Ankreuzen in der Hand (se Germans…), dabei kann man doch extra separat tolle Bingomarker in verschiedenen Farben käuflich erwerben. In der Jackpotrunde haben wir mit unseren Scheinchen dann leider kein Glück, obwohl Mr. T bis zum Schluss ganz eng dabei ist. Gewonnen haben wir trotzdem, jede Menge Erfahrung, da wir auch noch einen offiziellen Protest erleben, der von der Spielleitung jedoch abgewiesen wird. Da hört dann der Spaß auf!
Überhaupt kündigt sich der Verdacht an, dass hier an Bord gerne mal ein bisschen Geld gemacht wird. An jeder Ecke lauern vermeintliche Schnäppchen, insbesondere das Spa-Team ist fast schon penetrant. Wir werden aber lediglich beim Soft Drink-Paket sowie bei diversen Landausflügen schwach. Wir wollen ja schließlich etwas in Alaska erleben und einem unserer unzähligen Motti für dieses Jahr (Punch fear in the face!) gerecht werden.
Daher besteigen wir in Alaskas Hauptstadt Juneau einen Helikopter (Familie Geiss lässt grüßen), um damit auf den Mendenhall-Gletscher zu fliegen und dort ein bisschen herum zu stiefeln. Was für ein einmaliges Erlebnis, das man kaum in Worte fassen kann. 


Wir fliegen 30 Minuten durch eine märchenhafte Gletscherlandschaft, bevor wir dann auf einem davon landen und von unseren leider etwas unmotivierten Guides Skyler und Jonno (beide sehr hip, das war’s dann aber auch schon) in Empfang genommen werden. Wir haben uns vorher schon ausgemalt, wie wir uns mit unseren Eispickeln reinholdmessneresk durch die Eisspalten hangeln, aber weit gefehlt. Unseren Guides ist wohl nach einem langen Arbeitstag nicht mehr so zum Wandern zumute und so stolpern wir etwas ziellos kreuz und quer über die Gletscherlandschaft. 


Unvergesslich ist der Ausflug für uns dennoch, denn wir fühlen uns wie in einer anderen Welt und wohnen zudem einem Heiratsantrag eines Mitreisenden bei: der selbst für die Amerikaner schwer zu verstehende Schotte John (Gegenfrage auf wirklich jede seiner Bemerkungen: „What was that?“) nestelt nämlich auf einmal in seinem Hipbag herum, fällt dann auf die Knie (ich sag ja, wir stolpern herum…) und hält seiner Catherine ein kleines Schmuckdöschen hin. Der Wind pfeift wie verrückt, also hören wir nichts, aber wir glauben, dass es sich um einen Heiratsantrag handelt. Auch vernehmen wir von ihr keine Antwort, da sie aber das Kästchen öffnet und sich anschließend einen Ring ansteckt, gehen wir davon aus, dass der Deal besiegelt ist (zumal auch noch Tränchen kullern). 


Bevor wir am nächsten Morgen, mittlerweile in Skagway, zu Zeiten des Goldrausches das Tor zu Klondike und Yukon, zu unserem nächsten Ausflug aufbrechen, wird uns unerwartet großer Ruhm zuteil, denn wir gewinnen kampflos das Tischtennis-Doppelturnier. Tja, nur kein Neid, das kann halt nicht jeder. Völlig unbedarft schlurfen wir an diesem Morgen nach dem Frühstück zur Tischtennisplatte, um ein bisschen Frühsport zu betreiben. Auf einmal stürzt eine britische Animateurin auf uns zu und verkündet, es täte ihr leid, aber wir seien die einzigen, die zum Turnier erschienen sind (Welches Turnier?), aber wir würden somit zum Sieger erklärt und den Preis bekommen……verschwindet und taucht kurz darauf wieder mit zwei Schlüsselbändern (yeah, Flohmarktware! – Bingomarker wäre aber auch toll gewesen) auf. Völlig geflasht von unserem sportlichen Erfolg dürsten wir nach weiteren Extremleistungen und treffen unseren Guide Thomás am Pier, der heute mit uns eine Radtour entlang des Yukon-Trails machen soll. Das kleine unnötige Detail, dass die Radtour nur bergab geht, lasse ich an dieser Stelle einfach mal unerwähnt. Doch unsere Vorfreude war umsonst – Thomás begrüßt uns und erklärt uns, dass wir die geplante Tour aufgrund des starken Windes leider nicht machen können. Als Alternative bietet er uns aber eine Tour durch den Regenwald an, bei der es auch viel größere Chancen gäbe, Wildlife  zu sichten. Mr. T. leckt sogleich Blut und schlägt ein. Also geht es ab in den Regenwald und da das andere Paar, welches sich für den Ausflug angemeldet hatte, nun nicht mehr mit möchte (die körperlichen Gebrechen lassen nur downhill zu) kommen wir in den Genuss einer Privattour. Die Tour ist schön, wenn auch leider etwas kurz und Bären sehen wir keine. Eine Vielzahl matschiger Pfützen versaut uns zudem die Klamotte. Am folgenden Tag können wir es dafür ganz ruhig angehen lassen.


Heute steht nämlich eine „Scenic Cruise“ auf dem Programm. Eigentlich ist das nur ein netterer Name für einen Seetag, aber tatsächlich durchfahren wir an diesem Tag den Glacier Bay Nationalpark und sichten wunderhübsche Gletscher und zu Frau T.‘s großer Freude auch Babyeisberge, an denen wir elegant entlanggleiten. Von titanicähnlichen Ereignissen können wir daher – glücklicherweise – an dieser Stelle nicht berichten.



Der letzte Landgang wartet noch einmal mit einem besonderen Schmankerl auf – wir gehen trotz unseres vorhandenen Respekts vor jeglichen Höhen in Ketchikan ziplinen. Für alle, die damit nichts anfangen können: Eine Zipline ist laut Wikipedia „eine Seilverbindung zwischen zwei unterschiedlich hoch gelegenen Punkten zur Überquerung von Schluchten und Flüssen“ – in unserem Fall zur Durchquerung eines Regenwaldes, in dem es nur so von Bären wimmeln soll, wobei wir keinen einzigen sehen. Gemeinsam mit 6 weiteren Passagieren unseres Dampfers begeben wir uns in den Regenwald und erhalten dort eine Einweisung sowie unser Geschirr angelegt. Auf einer kleinen Übungszipline können wir austesten, ob wir bei der Einweisung ordentlich zugehört haben und ob das mit dem Bremsen klappt. Frau T. verliert bei diesem ersten Versuch gleich mal beinahe ihren Handschuh, der leider viel zu groß ist. Es wird Abhilfe geschaffen und da diese erste Zipline ganz harmlos war, stürzen wir uns ohne groß nachzudenken in das große Abenteuer…..und fangen an zu zittern. „Ganz schön hoch hier“, denken wir uns, als wir auf der ersten Plattform ankommen, die natürlich kein Geländer hat. „Treehugging“ erhält hier eine völlig neue Bedeutung. Ich fühle mich einer Ohnmacht nahe und überlege kurz, ob ich einfach sage, dass hier für mich Schluss ist. Aber ein kurzer Blick um mich herum und nach unten verrät mir, dass dies keinen Sinn macht – denn es gibt keine Leiter oder ähnliches, um hier weg zu kommen. Der einzige Weg geht über die Zipline. Also Augen zu und durch. Von Abschnitt zu Abschnitt werden wir mutiger und sicherer und auf einmal macht die ganze Chose sogar ein bisschen (viel) Spaß. Wer hätte das gedacht? Fast schon befinden wir uns auf einem (Achtung! Wortspiel!) Höhenflug, bis die bösen bösen Hängebrücken kommen. Die sind rutschig, weil nass, eng, schauklig, steil und……müssen überquert werden. Als wäre das schon nicht genug, bleibt unser Guide Chris (der im Übrigen weitaus motivierter ist als die Gestalten vom Heliausflug) in der Mitte der ersten Brücke stehen, um schlaue Dinge zu erzählen. Die brauche ich aber gar nicht hören, ich möchte doch einfach nur am anderen Ende lebend ankommen. Aber auch hier zeigt sich wie so oft: Einfach mal machen und cool bleiben, ist alles halb so schlimm. An der letzten Plattform angekommen, bekommen wir Helden Medaillen um den Hals gehängt, die es leider aus unerklärlichen Gründen am Ende der Kreuzfahrt nicht bis in unsere Koffer schaffen. 

 
Zum Abschluss dieses Reiseabschnittes steht nochmal ein Seetag zur Rückkehr nach Vancouver auf dem Programm, nach feuchten Tagen in Alaska verwöhnt uns Poseidon oder Petrus, oder wer auch immer diesbezüglich das Sagen hat, wieder mit blauem Himmel und warmem Sonnenschein. Wir schippern gemütlich an Vancouver Island entlang, nutzen effizient das Promenadendeck und chillen nochmal so richtig voll ab. Besser kann man einen Urlaubstag nicht verbringen. Am nächsten Morgen legen wir in Vancouver an, gehen früh von Bord und finden unser Auto wohlbehütet und ausgeruht wieder, bereit für die nächste Etappe. Behalten werden wir die Erinnerungen an eine wunderschöne Reise durch die Inside Passage sowie den Stolz, einige Ängste überwunden und Neues ausprobiert zu haben.

Montag, 15. September 2014

Into the Wild

Während unseres ersten Zwischenstopps (es folgt ein paar Wochen später ein weiterer) in den Rocky Mountains steigen wir in dem pittoresken Örtchen Canmore, das Tor zum Banff Nationalpark zu Füßen der Rockies, ab. Canmore wirkt ein wenig wie die kleine und ruhigere Schwester Banffs. Es gibt eine Hauptstraße mit Restaurants, Souvenir- und Outdoorläden und das war es im Prinzip auch schon. Das Menschenaufkommen ist wesentlich geringer als in Banff, es gibt keine Autoschlange, die sich im Schritttempo über die Meile schiebt und auch läuft man nicht ständig Gefahr, einen anderen Touristen umzurennen, der gerade vor einem übergroßen Plüschgrizzly posiert, um ein weiteres Urlaubsfoto von sich schießen zu lassen. Wir sind mit unserer Ortsauswahl also sehr zufrieden. Nichts gegen Banff – wir lieben Banff! Aber es kann dort schon sehr voll und anstrengend und laut sein. Obwohl – laut kann es in Canmore auch werden, denn mitten durch den Ort verlaufen Bahngleise, die mehrmals pro Tag von entsprechenden langen und voll beladenen Zügen frequentiert werden. Wie die netten anderen deutschen Gäste in unserem B&B morgens am Frühstückstisch feststellen: „…der Zug fährt ja direkt durchs Schlafzimmer. Das ist ja unmöglich.“ Gepriesen seien Internet und die einschlägigen Bewertungsportale – wir wussten, was auf uns zukommt und maulen daher auch nicht rum. Da kann ja auch der nette Gastgeber schweizerischer Abstammung nichts dafür, der stets fröhlich schief sein Gesicht verzieht beim Reden. Der gute Peter ist schon eine Marke. Er spricht von Anfang an mit uns deutsch, naja, sagen wir schwyzerdütsch, und bedient mit seiner langsamen Art zu sprechen, jegliches Klischee. Peter ist nicht aus der Ruhe zu bringen, auch nicht, als ein Vogel gegen die Scheibe des Frühstücksraums fliegt und dann regungslos auf dem Boden der Veranda landet. „It’s over“ ist alles, was wir dazu von ihm hören. Er ist kein Mann großer Worte, wir mögen ihn. Den Gästen, vor deren Augen der Vogelabsturz passiert ist, vergeht schlagartig der Appetit, da Peter scheinbar auch kein Mann großer Taten ist und keine Anstalten macht, das arme Ding zu beerdigen oder zumindest aus dem Sichtfeld der Frühstückenden zu räumen. Das ist halt Kanada, hier lebt man in und mit der Natur. Natürlich ist im wahrsten Sinne des Wortes auch das, was uns eine wohlbeleibte amerikanische Familie am Nachbartisch liefert. Denn dort wird angeregt durch das herzhafte Frühstück sofort hörbar der Verdauungsapparat in Schwung gebracht. Hach ja, schön so ein gemütliches Frühstück.  


Am ersten Tag in Canmore erlauben wir uns gepflegten Müßiggang. Wir bauen unser Gefährt vom Campinglager zum Auto um, sortieren und misten unser Equipment aus (ein Wunder – der verloren geglaubte iPod taucht wieder auf!), waschen unsere Wäsche und ruhen uns anschließend aus, um Energie für die nächsten zwei Tage zu sammeln. Mr. T. möchte nämlich wandern. Frau T. eigentlich auch, aber mit dem Näherkommen der Berge ist auch schlagartig die panische Angst vor Bären zurückgekehrt. Frau T. ist sich sicher, dass die Grizzlies nur darauf warten, ein (oder mehrere) Stückchen von ihr zu naschen und sieht sich schon in Einzelteile zerrissen am Boden liegen. Immer wieder hallt ihr der Rat durch den Kopf: „Kauft Bären- und Mückenspray!“. Mückenspray gehört schon längst zu unserem Inventar und hat bereits gute Dienste geleistet. Eine Bärenglocke haben wir auch und können somit schon mal perfekt den Almauf- oder abtrieb nachstellen, aber Bärenspray? Boah, da wird es ja schon echt ernst. Wir lieben den Nervenkitzel und bestreiten unsere erste Wanderung noch ohne besagtes Spray. Wir Tiere! Es steht die Besteigung des Sulphur Mountains in Banff auf dem Programm. Der Sulphur Mountain ist 2.281 m hoch, der Höhenunterschied, der beim Aufstieg bewältigt werden muss, beträgt 655 m auf einer Weglänge von 5,5 km. Man könnte auch mit der Gondel hochfahren, aber das ist natürlich nur was für Anfänger. Wir planen, mit der Gondel wieder runterzufahren, denn bergab soll ja eh nicht gut für die Gelenke sein. Aber erstmal hochkommen. 


Sportlich dynamisch parken wir unser Auto und machen uns an den Aufstieg, den wir selbstverständlich bravourös meistern, auch wenn es schon ganz schön steil ist ab und an und Frau T. einmal eine kurze Atempause benötigt. Der Wettergott hat mal wieder einen guten Tag und so werden wir zwischendurch mit tollen Ausblicken auf Banff und die Umgebung belohnt. Mr. T. ist dieser Blick manchmal etwas zu weit bzw. offen. Er hadert etwas mit seiner Höhenangst und stellt fest, dass auch die Gondel sehr steil nach oben geht. Aber er ist sehr tapfer und gemeinsam kommen wir in Rekordzeit an der Bergstation an, genießen ein kleines Picknick (unser Roadtripstandardessen: Cracker mit Frischkäse, abgerundet durch einen Müsliriegel zum Nachtisch) und lassen uns von freundlichen Indern fotografieren. Sehr schön das alles hier. 


Als wir dann bereit sind, zurück ins Tal zu fahren, entdecken wir eine monströse Schlange (also eine Menschenschlange natürlich) an der Gondel und entscheiden nahezu unisono (ich unterstelle nichts, aber vielleicht spielt das Mr. T. ganz gut in die Karten?), dass wir einfach auch für den Weg bergab die Beine in die Hand nehmen. Gesagt, getan. Erneut muss ich selbstzufrieden feststellen: Wir Tiere! Erschöpft bummeln wir über die Banff Avenue und besteigen alsbald das Auto, um über den Bow Valley Parkway nach/zum Lake Louise zu fahren. Der Bow Valley Parkway verläuft auf dieser Strecke parallel zum Trans Canada Highway (die eigentliche Hauptstrecke), verspricht aber wesentlich mehr Wildlifesichtungen. Aus dem Auto heraus soll mir das recht sein und da wir bei der Wanderung nur mit Eichhörnchen vorlieb nehmen mussten, bin nun auch ich abenteuerlustig und wahnsinnig mutig. Leider bleibt aber auch hier wieder das ganz große „Glück“ aus. Wir halten kurz am Lake Louise, außer Wolken und zig Touristen gibt es aber nicht viel zu sehen, und fahren dann zurück nach Canmore. Für heute haben wir genug geleistet.
Am nächsten Tag steht dann auf Empfehlung unseres Gastgebers Peter eine Wanderung im Kananaskis Country, quasi der Nachbar vom Banff Nationalpark, an. Dafür müssen wir erst einmal den Highwood Pass (mit 2.206 m der höchste asphaltierte Straßenpass Kanadas, für die, die es interessiert) befahren. Heute sind wir noch besser ausgerüstet als gestern, denn bevor es losgeht, erwerben wir käuflich das lang ersehnte Bärenspray. Fachmännisch testet Mr. T. dies auf dem Parkplatz, man muss ja schließlich vorbereitet sein. Da kommt ein ordentlicher Schwall raus und wir befürchten, dass auf dem Stückchen Land, auf dem das Gemisch gelandet ist, kein Unkraut mehr wächst. Das Spray wird in der entsprechenden Halterung an der Hose befestigt und Mr. T. übt, ähnlich einem Cowboy im wilden Westen, wie er die Flasche im Fall des Falles schwungvoll herauszieht. Frau T. geht auf Nummer Sicher und befestigt ihre Bärenglocke am Rucksack und lässt es sich auch nicht nehmen, alle paar Meter laut in die Hände zu klatschen. Es dauert nicht lange und wir sehen Menschen. Verrückt! Aber irgendwie auch sehr beruhigend. Der zunächst steile Weg des Ptarmigan Cirque Trails führt uns in eine Gebirgswanne, in der wir anschließend mehr oder weniger im Rund gehen. 


Um uns herum eine bunte Gebirgspflanzenwelt, hohe Gipfel, reißende Wasserfälle, hinter jeder Kurve ein anderer Ausblick, Murmeltiere, und….. Bighorn Sheeps. Die Gegend ist bekannt für diese Dickhornschafe, wir haben bereits welche auf dem Weg hierher gesehen, aber jetzt sehen wir sie quasi von Angesicht zu Angesicht und es bewahrheitet sich, was Mr. T. (also known as Mr. Wikipedia) mir noch am Vortag eingebläut hat: „Man soll den Schafen nicht direkt in die Augen sehen, denn das machen die Bullen vor einem Kampf“. Vor uns bleiben zwei ältere Paare stehen, machen Fotos und beobachten die Schafe und tatsächlich wirkt es, als fühle sich eines von ihnen provoziert und es macht Anstalten, den kleinen Hügel herunterzukommen, auf uns zu. Wir ziehen also weiter und die Schafe bleiben dann auch dort, wo sie sind. Uff! Erste Wildlifesichtung ohne Benutzung des Bärensprays überlebt! 


Der Weg, den wir laufen ist wunderschön, er geht allerdings auch ein wenig über Stock und Stein, was uns nichts ausmacht, aber wir fragen uns, wie es so mancher Nordamerikaner, der uns mit Kinderwagen, in Birkenstocks oder mit einer Laufschiene entgegen kommt, schaffen will. Letztendlich soll das aber nicht unser Problem sein. Erleichtert, dass wir wieder keine Bärenkonfrontation durchstehen mussten, erreichen wir unser Auto. Eine große Prüfung steht mir an diesem Tag jedoch noch bevor. Denn es ist Mr. T.‘s sehnlichster Wunsch, den Fenland Trail in Banff in der Dämmerung zu laufen. 


Der Fenland Trail ist ein kleiner kurzer Rundweg durch einen verwunschen und mit Moos belagerten Märchenwald. Eigentlich ist er sehr wildromantisch, doch wir sind ihn bereits im Urlaub vor zwei Jahren gelaufen und schon damals musste ich mich etwas gruseln, zumal wir damals auch (zum Glück erst kurz danach) gelesen hatten, dass ein Grizzlyweibchen mit ihren Jungen dort gesichtet wurde. Ich nehme also noch einmal all meinen Mut zusammen und spreche mir mantramäßig Mut zu, indem ich mir vor Augen halte, dass wir ja jetzt stolze Bärenspraybesitzer sind und uns somit überhaupt nichts passieren kann. Und natürlich passiert auch nichts und erleichtert geht es zum Abschiedsdinner nach Banff, bevor wir am nächsten Tag weiterdüsen in Richtung Westen.