Samstag, 11. Oktober 2014

Der Reise-Blues




Urlaub macht Spaß! Reisen bereitet Freude! Ja, das stimmt und wir versichern uns jeden Tag gegenseitig wie glücklich wir uns schätzen können, solch ein abwechslungsreiches Jahr durchleben zu dürfen. Doch Reisen besteht nicht immer nur aus Fanfaren, Feuerwerk und Zuckerschlecken! Manch eine(r) wird nun vielleicht erstaunt die Augenbrauen hochziehen und sich denken: „Oh, will Frau T. jetzt etwa Mitleid? Also, wäre ICH an ihrer Stelle dann würde ich jeden Moment genießen und dankbar sein. Stattdessen sitze ich hier mit Kind/Arbeit/Überstunden/etc. und muss mich herumärgern…“. Lest einfach mal weiter und wartet ab, was ich damit sagen will, denn heute geht es um die andere Seite des Fernwehs (das bei mir, wir ihr alle wisst, latent vorhanden ist) und das ist nicht das Heimweh, nein, das ist die Reisemüdigkeit (zu der das Heimweh sicherlich gehört).
Nach knapp fünf Monaten „on the road“ ist es an der Zeit, mal ein seelisches Zwischenfazit zu ziehen. Zu 90% oder auch mehr haben wir Spaß. Sehr viel Spaß. Wir haben in der relativ kurzen Zeit sehr viel sehen und erleben dürfen. Ab und zu jedoch driften die glückseligen Gedanken einmal ab und schwirren durch die Synapsen: „Wieso mache ich das überhaupt? Was treibt mich ständig weiter? Was erhoffe ich mir von diesem Jahr? Will ich mich selbst besser kennenlernen? Will ich meinen Partner besser kennenlernen? Will ich für mich wichtige Erkenntnisse erlangen? Welche? Wird sich mein Leben nach dieser Reise komplett verändern? Oder bleibt alles beim Alten und dieses Jahr ist nur ein kurzes und spannendes Kapitel in meinem Leben? Wieso mache ich das überhaupt?“ Einmal angeschubst, zieht das Gedankenkarussell immer weitere Bahnen und droht niemals stoppen zu wollen. Ausgelöst wird dieser, nicht immer erwünschte, „Mindfuck“ oft unbeabsichtigt. Im Juli fängt es das erste Mal an. Aus der Heimat kündigen sich schlechte Nachrichten an und in dieser Zeit ist Frau T. eine Geisel ihres Handys. Kann nachts nicht mehr schlafen, aus Angst, (schlechte) Nachrichten zu verpassen. Traut sich kaum noch aus der Torontoer Wohnung, aus Angst unterwegs nicht online zu sein und somit wiederum (schlechte) Nachrichten zu verpassen. Was macht das Reisejahr für einen Sinn, wenn man nicht bei der Familie sein kann und sie unterstützen kann? Die Familie ist doch viel zu wichtig. Was macht das Reisejahr für einen Sinn, wenn man es nicht genießt? Zum ersten Mal wird an der Reiselust gerüttelt. Dann ist der Heimflug unvermeidbar. 7 Stunden Toronto – Frankfurt, 8 Tage hin und her hetzen, traurig sein, organisieren, trösten, liebe Menschen sehen, Abschied nehmen für immer, Abschied nehmen für den Rest des Jahres, 8 Stunden Frankfurt – Toronto, am Flughafen stehen und auf Mr. T. warten, überhaupt nicht mehr auf die Reihe bekommen, wo man ist, wieso man (wo) ist, weshalb man hier ist und wie es weitergehen soll. Aufgefangen werden von Mr. T., kreuz und quer durchs ganze Land und das der Nachbarn reisen, langsam zur Ruhe kommen, die Reise wieder genießen können, sich auf die nächsten Stationen freuen. Und dann in der Wildnis stranden, am Nimpo Lake. Arbeiten, hart arbeiten, aber trotzdem Zeit haben, um nachzudenken. Viel Zeit, denn es gibt hier keine Zerstreuung außerhalb des Grundstücks. Und genau dies ist der Anlass für neue Grübelei. Wieso reist man in die Wildnis, fühlt sich einsam, hat Angst, isst wildes Fleisch, sehnt sich nach der Stadt, nach Museen, nach Restaurants, nach Musik, nach Zentralheizung, nach der schön eingerichteten Wohnung zuhause, nach Schreibtischarbeit…..Nach was suchen wir hier? Warum sind wir hier? Was kommt als Nächstes? Wieso verlasse ich meinen Bürojob für ein Jahr, um hier im Wald herumzuwühlen? Die Grübelei erfährt eine jähe (und nur kurze) Unterbrechung, als auf dem Wasserflugzeug Elchteile angeflogen kommen und wir uns abmühen, diese, in blutige Laken gehüllt, auf einen Schubkarren zu hieven. Bin ich von zu Hause weg, um hier toten Elch spazieren zu fahren? Und da kommt die Erinnerung daran, weshalb wir uns für diese Auszeit entschieden haben! Um endlich mal etwas Neues zu erleben, den Horizont zu erweitern, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Um aus dem ständigen Einheitsbrei mal auszubrechen und um sich wieder auf zu Hause zu freuen. Um etwas zu erzählen zu haben, um nicht das Gefühl zu haben, dass das eigene Leben stillsteht, während sich das des Umfelds kontinuierlich zu verändern scheint und unseres nicht in die Richtung entwickelt, in der wir es gerne hätten....
Ich freue mich auf zuhause. Ich freue mich aber genauso auf die Stationen, die noch vor uns liegen.. Ich freue mich auf das, was kommt und ich nehme in Kauf, dass es noch die ein oder andere ernste Minute geben wird, in der ich alles anzweifeln werde. In der ich meine Familie, meine Freunde, Kollegen und mein Zuhause vermissen werde. Und was das Jahr bringt, das werde ich nächstes Jahr vielleicht wissen, vielleicht auch nicht. Man bzw. ich darf nicht immer alles hinterfragen, nicht alles planen, sondern auch mal abwarten. Es kommt, wie es kommt. Ich kann Flüge buchen, Hotels aussuchen, Reiserouten bestimmen. Aber das, was die Reise zu dem macht, was sie ist, das kann ich nicht planen. Das sind zufällige Begegnungen, Geschichten, die wir hören, Dinge, die wir sehen.
Was ich bis jetzt schon weiß und gelernt habe? Ich habe sehr viel über mich gelernt. Vieles, das ich vielleicht lieber gar nicht gewusst hätte. Ja, ihr braucht nicht so überrascht sein. Auch ich habe schlechte Seiten und Eigenschaften. Ich habe auch viel über Mr. T. gelernt, sogar nach 11 gemeinsamen Jahren der Lebensbe“streit“ung. Ich bin glücklich, ihn an meiner Seite zu wissen und weiß, dass ich ohne ihn, sicherlich das ein oder andere Mal in Erwägung ziehen würde, dieses Jahr, wie so einiges zuvor in meinem Leben, abzubrechen. Er ist meine Vernunft, meine Motivation, meine Bodenhaftung, mein Leibkoch, mein Glück, mein Spaß, meine Ausdauer, mein Optimismus, manchmal auch meine Verzweiflung und vor allem mein Leben. Ein Hoch auf den besten Partner, um gemeinsam durchs Leben zu reisen!
Reisemüdigkeit besteht aber nicht nur aus den in epischer Bandbreite wiedergegebenen Gedankeneinbahnstraßen, Reisemüdigkeit besteht auch aus dem Wunsch, einfach mal an einem Ort zu verweilen, am idealsten wäre natürlich das eigene Zuhause in der Heimat, manchmal will man einfach nichts Neues mehr sehen, nicht jede Nacht in einem anderen Bett (mit womöglich noch fremden Haaren, iiiihhh) schlafen und mit Flip Flops duschen müssen. Das ständige Hin und Her erfordert ein kontinuierliches Anpassen an neue Begebenheiten, seien es Unterkünfte, Infrastruktur, Zeitzonen, usw. Gefühlt täglich muss der Koffer neu gepackt werden. Welch Luxus ist doch der IKEAsche Pax, der zuhause leergeräumt im Schlafzimmer steht. Nicht ständig jeden Tag unterwegs sein zu müssen, das wäre ein Traum! Wer nun Mitleid mit uns hat, dem/der kann ich versichern, dass die wildeste Hin- und Herfahrerei tatsächlich hinter uns liegt. Ab jetzt werden große Strecken per Luftpost zurückgelegt. Und auch die jeweilige Aufenthaltsdauer wächst proportional (oder so ähnlich). Aber keine Angst, wir sind keine Reise(schlaf)tabletten geworden, es stehen noch einige Abenteuer an und wir werden in gewohnt unterhaltsamer Manier weiter berichten. So, und jetzt muss ich erstmal ein bisschen meinen Gedanken nachhängen gehen bei einem Tee, Schokokeksen und einem hitzigen Romméduell mit meiner Motivation, meinem Glück, …, und meinem Kartenpech! Es gibt keine bessere Ablenkung von der Reisemüdigkeit! Gute Nacht!



Kommentare:

  1. liebe mrs.T das ist der schönste, traurigste,emotionalste,liebevollste und was weiss ich sonst noch Bericht der bisherigen Reise.ich hab jede Zeile mitgelitten und bissi geheult(na ja Hesse krankheit nah am Wasser..)aber ich bin sicher, ihr werdet die restl.Zeit super überstehen und hi und da auch geniessen lG Babs

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  2. Liebe Frau T.,ich bin sehr beeindruckt von diesem Artikel! Ich sage, Jeder Gedanke,ob fröhlich oder zweifelnd, hat seinen Platz im Reisegepäck. Ihr macht das für Euch und ich bin überzeugt, es wird eines der besten Jahre! Blutigen Elch rumschleppen wäre allerdings auch nicht so meins... LG, Angelika

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