Dienstag, 11. November 2014

Hochzeitswochenende reloaded

"If I can make it there, I'll make it...anywhere..." könnte man entgegen der eigentlichen Bedeutung auch übersetzen mit "wenn du es hier HIN schaffst, schaffst du es überall HIN" und so kommt es uns auch ein bisschen vor, denn das Hochzeitswochenende in Beacon, NY ist für uns nur ein kurzer Zwischenstopp auf unserem Weg in das warme paradiesische Florida, in dem wir 3,5 Wochen lang Erholung suchen von den Arbeits- und Reisestrapazen der letzten Monate. Heiraten wird Mr. T.'s Cousine dritten Grades (oder so), die Schwester vom Cousin dritten Grades (oder so), dessen Hochzeit wir im August beiwohnen durften. Wir freuen uns, unsere erweiterte Familie wieder zu sehen, dennoch, richtig euphorisiert sind wir im Hinblick auf die Hochzeit nicht (Reisemüdigkeit, ihr wisst schon). Wir wollen diesen Programmpunkt nur abhaken, um dann endlich in einem unserer zweiten Zuhauses dieser Welt - Florida - anzukommen. Der Einfachheit halber haben wir jedem gesagt, wir fliegen nach New York zu einer Hochzeit, klingt einfach geiler als "wir fahren nach Beacon im Bundesstaat New York, ca. eineinhalb Stunden nördlich von DEM New York". Und ganz doll gelogen ist es ja nicht, denn wir landen an einem der drei DIE Stadt umgebenden Flughäfen (Newark in New Jersey) und erhaschen sogar einen kurzen Blick auf die Skyline mit dem neuen World Trade Center auf unserem Weg Richtung Norden mit dem Mietwagen. Hach ja, die amerikanischen Highways und ihre virtuosen Autofahrer. Immer wieder herrlich. Wir entgehen um Haaresbreite einer Massenkarambolage, als vor uns zwei Autos seitlich ineinanderfahren. Da die Fahrer aber richtige Tiere sind, oder vielleicht nur experienced in dieser Hinsicht, fangen sie sich wieder und jeder kehrt auf seine Spur zurück, um wenige Meter später friedlich hintereinander auf den Seitenstreifen aufzufahren. Beim Aussteigen stolpert der eine über seinen Sitzgurt und fliegt fast noch auf den Highway. Hätte sich irgendwie uncool unter unseren Mietwagenreifen gemacht. Durch diesen Herz-in-die-Hose-Rutscher um ein graues Haar reicher erreichen wir das kleine Städtchen Beacon. Es ist beschaulich und schon verdächtig herbstlich mit rotem Laub und kreativer Halloweendekoration. Um unser Reisebudget zu schonen, haben wir wieder ein Zimmer über AirBnB gebucht, unsere Gastgeberin für die nächsten zwei Nächte heißt Jinny und hat eine schnuckelige Drei-Zimmer-Wohnung mitten im Ort. Sie heißt uns bereits an der Haustür willkommen und macht einen gescheiten Eindruck. Leider haben wir von ihr bislang noch keine Bewertung auf der Buchungsplattform erhalten und ich vermute stark, dass das damit zusammenhängt, dass meine Haare nach dem Duschen ins weiße Handtuch geblutet haben. Die zögerliche Friseurin Vanessa hat mir die Haare, wie sich herausstellt, aus Angst vor meiner Courage (?) nur getönt und so verliere ich bei jeder Wäsche Farbe. Ups, unangenehm. Vor lauter Scham versuche ich nach dem ersten Duschgang noch meine Haare mit Klopapier zu trocknen, hat das schon mal jemand von Euch versucht? Ich kann es nicht empfehlen. Hat so ein bisschen was von Rocky Horror Show im Freilichttheater bei Regen (ja, ich habe schon viel erlebt!). Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Jinny ist nett, viel halten wir uns aber nicht in der Wohnung bzw. in unserem Zimmer auf, denn wir sind ja hier um einer Hochzeit beizuwohnen. Wie es wohl amerikanischer Standard ist, wird am Vorabend zu Cocktails geladen, vorher stärken wir uns noch bei einem vollgestopften Mexikaner und dürfen mit den anwesenden Mariachis eine kleine Jamsession zum Latinoevergreen "Pretty Woman" abhalten. Darf ich vorstellen: Sancho T. an den Holzrasseln und am Schellenkranz Pancho T. CDs verkaufen wir dann nächstes Jahr, wenn wir auf große Frankfurter Stadtteile-Tournee gehen.
Zurück zum eigentlichen Thema: beim Cocktailempfang gibt es wieder mal ein großes Hallo, unsere Verwandten aus Kanada und USA finden es natürlich "absolutely awesome", dass wir wieder mit von der Partie sind und wir werden erstmal den Brautjungfern vorgestellt und fachsimpeln über das Oktoberfest. Eigentlich will jeder mal unbedingt aufs Oktoberfest nach München oder war schon mal da. Das muss tatsächlich für die Nordamerikaner urdeutsch sein und wir lassen sie gerne in dem Glauben. Vielleicht sind sie enttäuscht, dass wir zur Hochzeit am nächsten Tag nicht in Dirndl und Lederhose erscheinen? Cousin R. berichtet uns noch mal, wie toll seine Trauzeugen es bei seiner Hochzeit im August fanden, dass wir "Livin' on a prayer" mitgegrölt haben. Wir freuen uns, dass wir damit scheinbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Am nächsten Tag machen wir zu zweit die Main Street von Beacon unsicher. Wie geschrieben, das Städtchen ist klein und so treffen wir auch den ein oder anderen von der Hochzeitsgesellschaft wieder. Zum Frühstück gibt es hervorragende Bagels, bevor wir ein bisschen auf und ab bummeln. Sehr schnucklig, das alles.


Aufgehübscht geht es dann am späten Nachmittag zur Feierlocation - dem Roundhouse in Beacon. Das Roundhouse ist ein Hotel/Feierlocation im Industrial Style, also sehr modern und eher nüchtern. Im Gegensatz dazu steht die romantische Lage an den kleinen Beacon Falls. Zur Begrüßung erhalten wir einen Humpen Lemonade mit bunt gestreiftem Strohhalm oder wahlweise, aufgrund der eher herbstlichen Temperaturen, auch einen heißen Cider. Die Trauung findet draußen statt und es könnte alles so märchenhaft sein, wenn es nicht nach 2 Minuten anfangen würde zu regnen. Die Braut macht gute Miene zu nassem Spiel und versteckt sich unter einem Schirm, aber eine halbe Minute später, als der Regen etwas stärker wird, ziehen wir in das Gebäude um, wo die Trauung in der Eingangshalle weiter vollzogen wird. Dort ist man nicht so richtig auf einen möglichen Wetterumschwung vorbereitet. Schnell werden für die älteren Gäste Stühle bereit gerückt, wir dagegen werden immer weiter nach hinten gedrückt und ich mache aus der Not eine Tugend und steige kurzentschlossen auf einen Stuhl, um nicht nur zu hören, sondern auch was zu sehen. Das Brautpaar hat bereits vor zwei Tagen im Rathaus von New York (diesmal wirklich die Stadt) geheiratet, das hier ist eigentlich nur noch Show, denn der Zeremonienmeister ist unser Onkel R. aus Toronto. Das Brautpaar hat sich eine Quäker-inspirierte Zeremonie gewünscht, die dadurch gekennzeichnet wird, dass der Stille ausdrücklich Raum gegeben wird und dass Freunde und Verwandte nach vorne treten können und eine Anekdote erzählen, ein Gedicht vortragen, etc., die/das sie mit dem Brautpaar verbindet. Eigentlich ein schöner Gedanke und so können wir gleich noch ein paar weitere Gäste kennenlernen. Überhaupt lernen wir heute wieder zig neue Leute kennen, jeder möchte uns mit jedem bekannt machen. Wir sind halt auch echt coole Typsen.


Hach, das ist alles so romantisch und rührend. Mitten während der Zeremonie sorge ich im hinteren Bereich des Raumes jedoch noch mal kurz für Aufregung, als eine Frau mir zuflüstert, dass gerade eine Wespe mein Bein hochgekrabbelt ist. Eine Wespe? Im Oktober? Naja, es gibt ja auch Leute, die bekanntlich Pferde vor Apotheken kotzen sehen...ich will der Sache auf den Grund gehen und informiere Mr. T., dass er mir umgehend nach draußen zu folgen hat. Wir laufen einmal um die Ecke vor den Lieferanteneingang und geben sicher ein tolles und phantasieanregendes Bild ab, als ich mich bücke und meinen Rock hochziehe, damit er mich auf Wespenspuren untersuchen kann. Und das im prüden Amerika. Er ist glücklicherweise nicht erfolgreich und der Koch, der kurz aus der Tür schaut und wahrscheinlich einfach nur ein Kippchen rauchen möchte, zieht sich blitzartig verstört zurück. Wir schleichen zurück zur Trauung und die Wespenalarmfrau ist ganz enttäuscht, dass wir nichts gefunden haben. 
Schwuppdiwupp ist es schon Zeit für den Sektempfang und der findet wieder draußen statt, wo es mittlerweile aufgehört hat zu regen. Die sich anschließende Feier ist rund und nett. Wir erfüllen Cousin R. den Wunsch und tanzen und grölen mit ihm zum obligatorischen "Livin' on a prayer". Das eigentliche Highlight des Abends ist jedoch nicht das Brautpaar, sondern ein Fotoautomat, in dem man lustige Fotos mit noch viel lustigeren Requisiten machen kann. Je später der Abend, desto vollbepackter die Fotobooth (sechs Personen sind wirklich das Maximum, das kann ich bezeugen!) und desto kurioser die Fotos. Herrlich! 
Wir sind ja schon drauf vorbereitet: um 23 Uhr gehen die Lichter an und wir ziehen weiter zur Afterparty, wo wir uns jedoch nach eineinhalb Stunden dann verabschieden, bevor Mr. T. die ganze Hochzeitsgesellschaft nach Deutschland einlädt. Ich kann gerade noch Schlimmeres verhindern und verfrachte meine bessere Hälfte in sein AirBnB-Bett, wo er mich mit einem Schnarchkonzert verwöhnt. Liebe ist...
Am nächsten Morgen sind wir etwas platt, freuen uns aber wie Bolle auf Florida. Auf dem Weg zum Flughafen frühstücken wir erst einmal ausgewogen Burger und Cheese Fries bei Shake Shack (große Empfehlung!) und stellen fest, dass das Wochenende ja doch ganz schön schön war und wir froh sind, dass wir diesen kleinen Zwischenstopp auf uns genommen haben. Aus dem Flugzeug heraus winken wir der Freiheitsstatue (komisch, sie reagiert gar nicht...). Sunshine State, HERE we come!


1 Kommentar:

  1. so sehr genossen, den Bericht...besonders den Wespenalarm...göttlich ich dreh grad nen Film drüber im Kopf...herbstl.neblige Novembergrüsse Babs

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