Samstag, 28. Februar 2015

Von Reiseplanungen, Umbuchungen und der zigsten Einreise in die USA

Schon wieder eine Einreise in die USA. Und schon wieder macht das Land, wo Milch und Honig fließen (oder war das woanders?), uns einen Strich durch die Rechnung, unbewusst. Oder sagen wir es besser so, les États-Unis erteilen uns wieder mal eine Lehre in Sachen Reisevorbereitungen, Flexibilität und Pläne über Bord werfen. Aber fangen wir doch einfach mal von vorne an.
So ein Jahr unterwegs sein ist schon eine verrückte Sache. Man kann so viel planen wie man will, dennoch werden Vorhaben verworfen (insbesondere, wenn Frau T. ein Wörtchen mitzureden hat) oder ganz spontane Trips gebucht. Wie zum Beispiel nach Florida. Das stand eigentlich gar nicht mehr auf unserer Agenda, haben wir dort doch schon mehr als drei wundervolle Wochen im Herbst im Kreise der Familie Frau T.-seits verbracht. Aber wie das halt so ist. Man hat mal einen halben Tag Heimweh und Frau T.'s Eltern weilen im Februar im Sunshine State und, eija, warum denn nicht noch mal hinfliegen, wenn das Reisebudget es noch zulässt? Gesagt, getan. Frau T. wirft den Rechner an und sucht nach Flügen. Das liegt ihr ja eigentlich im Blut, aber stellt sie auch immer wieder vor große Herausforderungen, denn das Ergebnis sollte möglichst besser als perfekt sein. Man denke nur an die letzte Floridabuchung, die ja auch noch den Hochzeitsabstecher nach New York beinhaltete. Da wurde hin und her gesucht, um ja den besten Preis und die kürzesten Verbindungen zu finden und irgendwie ist dann doch die Hälfte schief gegangen und man musste mit der chinesischen United Airlines Angestellten am Telefon herumzackern. Dieses Mal soll alles anders werden, wir machen relativ schnelle Nägel mit Köpfen, der Preis ist gut, die Verbindung auch einigermaßen. Es gibt keinen Nonstopflug von Vancouver nach Orlando, wir steigen in Chicago um und haben dort knapp 4 Stunden Aufenthalt, müssen aber ja auch noch das Einreiseprozedere über uns ergehen lassen, da kalkulieren wir lieber mal ein paar Minütchen mehr ein, sind ja schließlich gebrannte Kinder. Allerdings startet unser erster Flug ein bisschen früh. Um 6 Uhr verlässt das Flugzeug den Vancouver Airport. Wir laufen 40 Minuten zum Skytrain (das Äquivalent zur U-Bahn, nur ohne Fahrer, eigentlich ganz schön gruselig, aber eine komplett andere Geschichte), dann benötigt dieser noch mal 20 Minuten, heißt also im Klartext wir müssen spätestens um halb vier aufstehen. Macht ja nix, wir haben ja Urlaub und vielleicht kann man auch im Flugzeug mal ein Auge zudrücken. Wir haben nur Handgepäck (denn wir lassen uns von meinen Eltern einen leeren Koffer mitbringen, der das auffängt, was im letzten Jahr noch so an Krempel dazugekommen ist), ergo sparen wir Zeit am Flughafen. Denken wir süßen Naivchens bis dato noch. Denn dann erfahren wir einen Tag vor Abflug (nämlich, als die E-Mailaufforderung zum Online Check-in eintrudelt), dass Vancouver ein sogenannter Pre-Clearing-Airport ist. Bedeutet im Klartext, dass die Einreiseprozedur für die USA bereits nach dem Check-in, und somit noch in Kanada, erfolgt, man muss bei einem Zwischenstopp in den USA also nicht zur Einwanderungsbehörde, sondern kann ganz lässig zum nächsten Gate schlendern. Ja, schlendern können wir nun in der Tat, wir haben ja vier Stunden in Chicago Zeit. Und unsere Zeitplanung fürs Aufstehen gerät nun auch kräftig ins Wanken. Dann müssen wir ja doch noch viel mehr Zeit einplanen, was, wenn die Probleme machen bei der Einreise (soll ja alles irgendjemandem schon mal passiert sein)? Hmm, was würde es denn theoretisch kosten, den Flug umzubuchen? Späterer Abflug, kürzere Umsteigezeit und frühere Ankunft in Florida – eine Triple Win Situation sozusagen. Frau T. ist in ihrem Element, Laptop an, klick klick klick. "Mr. T., wir könnten für einen Aufpreis von x Euro pro Person umbuchen auf eine spätere Maschine, kürzere Umsteigezeit, frühere Ankunft." Mr. T. nickt ab, Frau T. schickt ab – und zwar die Umbuchungsanfrage. Schwupps noch die Kreditkartendaten angegeben für die anfallenden Gebühren und...ENTER. "We are sorry. The transaction you have been asking for can't be processed via our systems. Please contact our Help Desk under 1-800-UNITED." Wieso, bitte schön, bieten die eine Umbuchung online an, wenn man sie dann nicht durchführen kann? Ach, dann lassen wir das halt mit der albernen Umbucherei, dann bleibt alles so, wie es ist. Ist ja auch okay, wir haben ja Zeit. Noch mal schnell die Buchung anschauen. Oh Nein! Hier stehen jetzt schon die neuen Flugstrecken drin, wir fliegen um 7:45 Uhr nach Denver, von dort aus weiter. Aber ein rotes Schriftband sagt mir, dass mit meiner Buchung was nicht stimmt und dass ich dringend die Hotline anrufen soll. Also geht es weder vorwärts noch zurück. Eigentlich müsste ich es besser wissen – das Ticket muss umgeschrieben werden, da muss jemand mit den Händen ran. Ich komme wohl nicht drum herum, diese tranfunzige Hotline anzurufen. Mit dem kanadischen Handy in die USA – ein Traum. Telefongebühren in Kanada sind horrend, vor allem von Prepaid Phones. Aber es hilft alles nichts, ich gebe die Nummer ein und erhalte noch bevor überhaupt der Hauch eines Freizeichens zu vernehmen ist, die Ansage, dass auf unserem Handy nur noch $1,35 Guthaben ist. Mr. T. ist ein Mann der schnellen Taten, heutzutage geht ja alles online (außer halt Flüge umbuchen), ruckizucki lädt er unser Konto auf und ich probiere es erneut. Ah, jetzt, ein Freizeichen und gleich der Hinweis, dass die durchschnittliche Wartezeit aufgrund der Ostküstenwinterstürme derzeit 20 Minuten beträgt. Panik ergreift mich, kalter Schweiß bricht aus. Im Moment ist das Handy noch mit 16,35 Dollar bestückt, was, wenn das nicht ausreicht, bis ich jemanden an die Strippe bekomme? Dann muss ich mich nochmal neu einwählen, und wir sind doch in einer guten Stunde mit unseren Autokäufern verabredet. Ich habe aber Glück: eine vertilgte Obstsalatschüssel und 12 Minuten später spreche ich mit Anne. Ein Mensch, juchhu. Anne kümmert sich gleich um alles, kurz werde ich nur stutzig, als sie mich fragt, was die Umbuchung kostet. Ich bin versucht zu sagen "it's free", bin aber dann doch zu ehrlich und wohlerzogen und nenne ihr Summe x. Jetzt ist es an ihr, zu stocken, ich höre sie tippen und sie sagt "hier im System steht, dass es nur y Euro pro Person kostet". Da y in diesem Fall < x ist (wer in Mathe aufgepasst hat ist nun eindeutig im Vorteil!), widerspreche ich nicht und lasse sie walten. Sie tippt und klickt und macht und tut und auf einmal wird es ganz still. Nein, nicht ganz, ich höre noch das Handyguthaben langsam runterzählen. Ich warte und warte und warte und wage mich dann doch mal zu fragen, ob Anne noch dran sei. Ist sie glücklicherweise, hat alles umgebucht und die Sache ist geritzt. Wir fliegen nun knapp zwei Stunden später, da wir aber schon in Vancouver in die USA einreisen (verrückte Welt), müssen wir dennoch um halb 4 aufstehen. Viel hat sich nicht geändert, aber wir kommen auch früher in Florida an und haben dann noch genug Zeit, um den bestellten elterlichen Gulasch zu genießen. Also sogar eine Quadruple Win Situation. Was sind wir doch für Glückskinder.
Am Abreisetag sind wir totally im Flow. Kurzzeitige Verwirrung sorgt allerdings Mr. T.'s Mittelname, dessen Anfangsbuchstabe zum ersten Namen hinzugezogen aus einem Daniel eine DanielA macht. Aber das kleine Missverständnis können wir schnell aus der Welt räumen und schreiten respektvoll und nur minimal eingeschüchtert in Richtung US-Einreisebehörde. Wir hatten hier ja schon mal so unsere Problemchen und eigentlich wurde uns nahegelegt, ein Visum zu beantragen, falls wir demnächst nochmal in die USA wollen. No risk, no fun. Dieses Mal sind wir ja auch mit unserem Rückflugticket nach Deutschland bewaffnet, das beweist, dass wir wirklich nur noch dieses eine letzte Mal (vorerst, zukünftige Reisen außer Acht gelassen) einen Stempel für 90 Tage haben möchten. Doch meistens kommt es anders. Der Officer muss ein Kanadier sein, er fragt die obligatorischen ein, zwei Fragen, stempelt wortlos und überreicht uns unsere Pässe. "Welcome to the USA" kann ich da nur erfreut sagen. Die weitere Reise verläuft ab und an etwas turbulent, aber "Captain Dan" (nicht zu verwechseln mit Mr. T.) leitet uns (lustigerweise auf beiden Flügen) sicher, und durch seine regelmäßigen Ansagen sehr unterhaltsam, in die Heimat der Mickey Mouse und der Alligatoren, in denen wir 9 Tage mal nichts machen außer shoppen und essen. Urlaub, herrlich und wie wir denken, total verdient! 


Samstag, 21. Februar 2015

18.1.-18.2.: der neunte Monat

So, die Schwangerschaft ist beinahe um, dann folgen noch ein paar Wochen Mutterschutz und Elternzeit, bis wir wieder hinterm Schreibtisch sitzen. Zeit, mal wieder zurückzublicken:

Im Flugzeug zurückgelegte Kilometer Mr. T. (gesamt):23.788
Im Flugzeug zurückgelegte Kilometer Frau T. (gesamt): 36.451
Im Auto zurückgelegte Kilometer (ohne irgendwelche Mietwagen): 20.000
Museumsbesuche: 9 (das wird sich wohl erst im April wieder signifikant ändern)
Gewanderte Trails: 34
Gesamtlänge: 196,2 km
Tankfüllungen: 46 (hier wird sich auch nichts mehr ändern, das Auto ist verkauft, dazu mehr in einem separaten Beitrag demnächst)
Verschickte Postkarten: 35

Übernachtungen
AirBnB: 121 
workaway: 47
Ferienhaus: 13
Camping/Auto: 9
B&B: 22
Schiff: 7
Hotel: 8
Cabin: 16
Motel: 2
Couchsurfing: 1
Family & Friends: 26
Hostel: 4

Im Januar haben wir unseren "letzten großen" Roadtrip erfolgreich hinter uns gebracht, haben Anfang Februar im Yukon gefroren und dann noch einige Tage in Vancouver genossen sowie uns um den Auto-(und sonstigen Kleinkram-)Verkauf gekümmert.
Wie der/die Eine oder Andere schon vernommen hat, tanken wir gerade unter der Sonne Floridas (wenn sie sich denn mal zeigen würde...) Kraft für unsere letzten beiden großen Reiseetappen, von denen wir sicherlich viel zu erzählen haben werden. Uns erwarten in den nächsten Wochen noch 9 Flugsegmente, 7 Unterkünfte und 4 Länder - dranbleiben lohnt sich also!

Dienstag, 10. Februar 2015

Ode an die Kälte


Ehe es in unserem Kanadajahr nun so langsam aber sicher auf die Zielgerade geht, ist es für Mr. T. nochmal an der Zeit, sich (und somit zwangsläufig auch der lieben Frau T.) einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen. Eine Winterreise in den wilden kanadischen Norden, den rauen, aber herzlichen, Yukon, wo es mehr Karibus als Leute gibt, und der Schlittenhund der treueste Freund des Menschen ist. Da uns der eigenverantwortliche Weg nordwärts zu waghalsig schien und unser Auto bereits geschniegelt und gestriegelt in Vancouver auf einen Käufer wartet, geht es per Flugzeug von Vancouver nach Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon, in der drei Viertel der insgesamt nur 35.000 Einwohner zuhause sind. Der Wetterbericht klingt vielversprechend kalt, dazu klarer Himmel und somit vermeintlich eine gute Chance auf die magischen Nordlichter. Um uns für diese möglichst entspannt auf die Lauer zu legen, und weil sich Mr. T. wie oben erwähnt ja auch beschenken möchte, gönnen wir uns für die ersten drei Nächte ein ziemlich gediegenes Obdach in der kleinen feinen Takhini River Lodge außerhalb der Stadt. Betrieben wird diese von Jean-Marc und Christiane, einem französischen Auswandererpärchen aus dem Elsass, die sich ihren etwas größeren  Yukontraum vor sieben Jahren erfüllt haben. Jean-Marc hat sich dann auch gleich stilecht ein eigenes “Kennel“ (Schlittenhunderudel) zugelegt, halb-autodidaktisch zum “Musher“ (Schlittenhundeführer) ausgebildet und bietet außerdem mit Schneeschuhen, Schneemobil, Eisfischen usw. auch sonst noch alles an, was das Kanadawinterherz begehren könnte. Christiane hingegen ist für das “Innenleben“ der Lodge zuständig und versorgt die Gäste mit französischem Frühstück – Baguette et Croissant - und tischt zudem allabendlich ein dreigängiges Menü europäisch inspirierter Hausmannskost auf, die auswärtigen Essensgelegenheiten sind jedoch auch sehr begrenzt. Jean-Marc ist es dann, der uns am Flughafen in Empfang nimmt und mit seinem monströsen Pickup zur Lodge shuttelt, unser Gepäck nimmt zwischen Strohballen Platz, die sind aber für die Hunde. Wie eingangs erwähnt, erwartet uns das Wetter in der Tat extrem winterlich. Selbst für hiesige Verhältnisse ist es sehr kalt, das Thermometer schafft es tagsüber nicht über die minus 30 Grad und knackt nachts sogar die minus 40. Familie T., die alten Travelexperten, lehnen dennoch erstmal selbstbewusst die angebotenen Mietklamotten ab und spazieren ein kleines Testründchen im eigenen Winteroutfit ums Haus. Nasenhaare und Wimpern gefrieren ad hoc und fast ebenso schnell wird klar, dass hier doch das Profiequipment ran muss. Naja, probieren geht über studieren.
Die weiteren Gäste während unseres Aufenthaltes sind vier amerikanische Ladies zwischen 45 und 70, zahlreiche Stereotype werden erfüllt, sowie ein älteres australisches Ehepaar, Dave und Jacky, wobei ER sich in den nächsten Tagen als sehr kommunikativ erweisen wird. Nach abendlichem „Boeuf Bourgignon“ (geil, Gulasch!) wird der Gemeinschaftsbereich verdunkelt und man legt sich hinter den Panoramafenstern auf die Nordlicht-Wache. Am Vorabend muss am Firmament wohl einiges los gewesen sein, so dass USA und AUS schon ganz aufgeregt sind. Tatsächlich erscheint gegen elf ein diffuser Streifen am Nachthimmel und es scheint loszugehen. Nun lernen wir etwas: das magische Farbenspiel der Aurora Borealis kann so richtig knallig nur vom Kameraauge eingefangen werden, die zauberhaft grünen Bilder die wir alle kennen, liegen also grundsätzlich über dem menschlichen Fassungsvermögen. Zudem herrscht Vollmond, der Himmel ist also ziemlich hell und die Polarlichtvorhersage zeigt auf der Skala nur 3/10. Es bleibt also relativ unspektakulär, seinen Reiz hat es aber allemal. 

Der Hundeflüsterer

Am nächsten Vormittag steht für uns ein Besuch beim Kennel auf dem Programm. Während Jean-Marc aus dem Nähkästchen plaudert, verteilen wir Streicheleinheiten. Dabei gilt es jedoch behutsam vorzugehen, die Hunde sind nämlich reine Energiebündel. Jeder hat ein kleines, mit Stroh gepolstertes Hüttchen und ist davor großzügig an einer kleinen Stange festgebunden, so dass wild im Kreis gerannt werden kann. Sobald wir uns nähern, springen sie auf ihre Hüttchen und wollen gekrault werden. Als für eine kleine Spritztour unsererseits der Schlitten hergerichtet wird, bricht das große Gebelle und Geheule aus. Jeder will mit! Es dürfen aber nur sechs, die reichen schon für drei Zentner Travellerballast plus Steuermann. Die Daheimbleibenden schauen ganz bedröppelt, mittags findet aber nochmal ein mehrstündiges Renntraining statt, da dürfen auch die anderen ran. Unsere kurze Fahrt genießen wir sehr, es ist beeindruckend wie akkurat die Hunde auf das leiseste Kommando des Mushers reagieren und dick vermummt drehen wir im strahlenden Sonnenschein eine Runde um das Grundstück. Sehr empfehlenswert das Ganze. Die Hunde sind einfach faszinierend. Für das Laienauge überraschend klein und schlank, bestehen sie aus purem Bewegungsdrang, perfekte Stoffwechselmaschinen die deshalb auch unbedingt gute Esser sein müssen. Wohlfühlwetter ist für sie 15 Grad unter Null und über dem Gefrierpunkt dürfen sie nur ganz behutsam und kurz laufen, da sonst schnell Überhitzung droht. Im Sommer heißt es also relaxen, während ab September allmählich wieder das Training aufgenommen werden kann. Der klassische Husky (im Vergleich eher ein großer Hund) wird übrigens kaum als Schlittenhund verwendet, in der Regel sind die Hunde speziell gezüchtete Mischlinge. Zum Thema passend erfahren wir dann, dass just an dem Wochenende unseres Aufenthaltes in Whitehorse der Yukon Quest startet, das größte Schlittenhunderennen Kanadas, von Whitehorse nach Fairbanks, Alaska (oder in geraden Jahren umgekehrt) und wir unsere Eindrücke somit noch vertiefen können. Perfektes Timing ist alles! 

Sogar Frau T. ist auf Schlittenhundekuschelkurs

Abends geht es wieder auf Nordlichtwache, die lauten Amerikanerinnen verabschieden sich recht zeitig, da es für sie am nächsten Morgen sehr früh nachhause geht. Frau T. schlägt sich tapfer, aber ab elf sitzt Mr. T. mit Dave allein vor den Panoramafenstern und bekommt diverse Kassetten abgespielt. Ich bin aber ja ein kommunikativer Mensch und sehe es als Englischtraining, der australische Akzent ist dabei die besondere Herausforderung. Trotzdem bleibt auch Zeit die nordische Nacht zu genießen, auch wenn sich diesmal gar keine Lichter zeigen. Unseren letzten vollen Tag nutzen wir für eine Schneeschuhwanderung. Christiane malt uns einen Trail vom Grundstück auf einen kleinen Hügel hinauf auf und gut isoliert stapfen wir los. Wieder ist der Himmel strahlend blau und die Luft kristallklar und da es so gut wie windstill ist, lassen sich auch die minus 33 Grad aushalten, in den dicken Jacken kommt man sogar ins Schwitzen. Drei Stunden lang sind die einzigen Geräusche, die wir hören, unser eigenes Knarzen im Schnee sowie die riesigen Raben, die hier mit den seltsamsten Lauten ihr Revier markieren. Schon etwas gruselig, denn wir werden zielgerichtet angeflogen und begutachtet. Mehr Wildlife bekommen wir nicht zu Gesicht, nur die verschiedensten Spuren im Schnee. 

Ein Königreich für Mr. T.

Nach einer ausgiebigen Mittagsruhe und dem Abendessen geht es wieder vor die Fenster, Dave wiederholt seine Geschichten vom Vorabend (very interesting) und als sich gegen viertel nach elf am Himmel was tut, holt Mr. T. Frau T. aus dem Bett. Ihr Amüsement hält sich aber in Grenzen, denn leider bleibt der Schleier sehr diffus und löst sich bald in Schwärze auf. Mit den Polarlichtern haben wir also kein großes Glück. Am nächsten Tag müssen wir uns schweren Herzens von der Lodge verabschieden und es stehen noch zwei Tage in Whitehorse „downtown“ auf dem Programm. Unsere Unterkunft, das „Historical Guesthouse“ lässt sich am besten als museal bezeichnen, wir haben aber mangels weiterer Gäste das ganze Haus (inklusive, ganz wichtig, Küche) für uns und Mr. T darf Feuerchen machen. Eine kurze Stippvisite auf die Main Street und in den Supermarkt wird ziemlich heftig, es ist immer noch unter minus 30 und zudem bläst ein Wind, so dass es für das Gesicht schnell gefährlich werden kann. Wir vermummen uns mit Schals und Tüchern und sind heilfroh als wir wieder „daheim“ bzw. im Museum sind. Die historische Beschaffenheit des Gebäudes lässt schon mal zu, dass die Ersatzklorolle am Fenster festfriert. In diesem Falle ist es besser nicht größer und dringend. 

Yukon Quest

Mit dem Yukon Quest steht aber ja noch ein Highlight auf dem Programm und glücklicherweise ist es dann samstags wieder sonnig und windstill. So halten wir es auch mit unseren Normalklamotten anderthalb Stündchen draußen aus und wohnen dem Startgeschehen bei. Es ist einiges los und die Kälte und die überall aufsteigende Atemluft machen die Atmosphäre ganz besonders. Wir begleiten die ersten 10 Starter lautstark, die Hunde stehen voll unter Strom, und gutgelaunt stürzen sich die Gespanne unter lauten Anfeuerungen in die anstehenden Strapazen. Wir beschließen, unsere zu beenden und machen uns mit einer heißen Schokolade, die sehr schnell lauwarm wird, auf den Heimweg.

Die eisigen Temperaturen können die good vibrations nicht vertreiben

Die Internetverbindung in unserer Unterkunft ist übrigens verblüffend schnell, so dass wir uns die Zeit bis zur Rückreise am nächsten Tag chillig zu vertreiben wissen. Zweieinhalb Stunden Flug und 50 Grad später sind wir wieder in Vancouver. Frühlings Erwachen beschreibt die Situation ganz gut.

Leider keine Nordlichter, dafür einen "Sun Dog"

Donnerstag, 5. Februar 2015

Wintermärchen - Teil 4: Revelstoke

Das letzte Ziel unserer winterlichen Schneerundreise ist Revelstoke. Nicht, weil wir da unbedingt schon immer mal hinwollten, sondern weil es auf dem langen Weg zurück nach Vancouver liegt. Soll ja auch ganz schön hier sein, schließlich liegt der Ort an einem prosperierenden Skigebiet, erst wenige Jahre alt, und südlich vom fast gleichnamigen Mt. Revelstoke National Park. Warum also nicht mal halten und sich die Beine vertreten? 


Unsere Herberge ist ein kleines B&B mit Familienanschluss. Papa, Mama, Kind und süßer Hund (ja, DAS aus den Fingern von Frau T.!) vermieten 2 Zimmer, die sich ein Badezimmer teilen. Die Atmosphäre ist heimelig, die Menschen nett, alles gut also. Papa ist vor allem sehr sehr busy, wie er niemals müde wird, uns zu erzählen. Hier ein B&B, dort einen Sportladen im Örtchen, Dozent an der Uni, den ganzen Tag sportlich aktiv ("we like staying active"), nachts dann noch das leidige Paperwork bis 2 Uhr, er hat es schon nicht leicht, ist aber natürlich rund um die Uhr für uns da. Chefin des B&B's ist jedoch Mama, die uns täglich mit frisch gebackenem Brot, selbstgemachtem Müsli und kleinen Frittatas zum Frühstück, sowie Cookies am Nachmittag verwöhnt. Wir haben es eigentlich ganz schön gut getroffen und es fällt uns sehr schwer, tagsüber das warme Nest zu verlassen. Eine kleine Roadtripermüdung lässt sich nicht von der Hand weisen und so lassen wir es erneut gechillt angehen.
Sowohl von Mama, als auch von unseren Zimmernachbarn (ein deutsches Ärztepärchen aus Freiburg) haben wir den Tipp bekommen, mit der Gondel auf den Berg des Skigebiets hochzufahren, der so hoch ist, dass man quasi über den Wolken ist. Klingt crazy, wollen wir haben. Nix wie rein in die Gondel. Mr. T. stellt fest, dass er in Kanada seine Höhenangst überwunden zu haben scheint, Frau T. gefällt der dichte Nebel gar nicht. Umsteigen müssen wir auch noch, was ein Stress, von Gondel A in Gondel B. Aber uns erwartet oben doch ein toller Blick...denken wir zumindest. Denn kaum sind wir aus der Gondel rausgestolpert, stellen wir fest, dass es hier oben noch ganz schön neblig ist. Irgendwie sieht man noch nicht mal die Hand vor Augen, geschweige denn, die Ski- und Snowboardfahrer, die für uns, gewöhnliches Fußvolk, irgendwie ein Hindernis darstellen, oder ist es vielleicht doch eher umgekehrt? Nun gut, langsam tasten wir uns zur Hütte vorwärts und beratschlagen uns. Trotz der miesen Sichtverhältnisse möchten wir uns ein bisschen bewegen, vorzugsweise nicht in der Nähe einer der zahlreichen Pisten. Wir laufen also aufs Geradewohl los und finden den Snowshoetrail, der schon schön plattgetreten ist, so dass wir ihn ohne Probleme begehen können. Sekunde um Sekunde sehen wir auch ein bisschen mehr, erst die Hand vor Augen, dann die Füße, bald sogar den Trail und dann erscheint uns endlich das, worauf wir gewartet haben. Nein, nicht der Heiland, sondern oben blauer Himmel, neben uns Berggipfel und unter uns Wolken. Amazing!


Nach diesen sportlichen Höchstleistungen gönnen wir uns am Folgetag einen Aufenthalt im Aquatic Center - seines Zeichens ein Schwimmbad. Aber nicht irgendeines, nein, im schönsten 80er-Jahre-Chic bietet es neben einem regulären Becken, noch ein Wellnessbecken samt Lazy River, auf dem man mit einer Poolnudel entlanggleiten kann, eine Hot Tub, die ihrem Namen alle Ehre macht, da ist es sogar Mr. T. zu heiß, ein Basketballkorb, an dem wir abwechselnd "hoops shooten" - oder es im Fall von Frau T. zumindest "stets bemüht" versuchen, eine steile Kletterwand, die uns Angst einjagt und eine Wasserrutsche, die Mr. T. zu öde ist. Auch schön, einfach mal nichts zu tun. 
Tiefenentspannt sagen wir also am nächsten Tag Papa Busy und Mama Backgöttin Adieu und machen uns auf unsere letzte lange Autofahrt nach Vancouver, nicht ohne noch vorher ein Tütchen Cookies zugesteckt zu bekommen. Nett sind sie, diese Revelstoker.