Sonntag, 5. April 2015

Farewell, Ford Explorer, Farewell!

Wir lieben unser Auto heiß und innig! Unser fleißiger weißer Ford Explorer aus dem Millemniumjahr! Der uns so zuverlässig durch die Weiten Kanadas und die Tiefen des Hinterlandes kutschiert hat. Der uns nicht nur Beförderungsmittel, sondern auch Schlafzimmer und Lagerstätte war. Ruhe in Frieden! Oder bereite zumindest deinen neuen Besitzern so viel Freude wie uns!

Ein prächtiger Bursche
Es ist unaufhaltsam - unser Reisejahr neigt sich dem Ende zu und bereits mit den Rockies im Januar haben wir unseren letzten großen Roadtrip beendet und somit keine sinnvolle weitere Verwendung für unseren kleinen großen Freund. Yukon, Florida und Hawaii bereisen wir per Flugzeug und Schiff und in der Stadt braucht man nicht zwingend einen fahrbaren Untersatz. Zu den Ausflugszielen vor den Toren Vancouvers gelangt man auch einigermaßen gescheit per öffentlichem Nahverkehr. Es steht also fest: So weh es tut, die Karre muss weg! Bereits im Januar fangen wir langsam an, den Verkauf vorzubereiten. Gekauft war es ja relativ schnell, der Verkaufsprozess zeichnet sich nicht ganz so butterzart ab. Wie schon öfter hier im Blog angemerkt, kocht jede Provinz ihr eigenes Süppchen. Man kann also nicht einfach mit einem in Nova Scotia gemeldeten Fahrzeug hier in BC ankommen und es verkaufen, nein, dafür muss das Auto erst einmal einen Out-of-Province-Check bestehen und für diesen gilt: Alles, was vorhanden ist, muss auch funktionieren! Unabhängig davon, ob es sicherheitsrelevant ist oder nicht. An sich sehr löblich von den britischen Kolumbiern, doof nur, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. In der Provinz bereits gemeldete Autos können beliebig weiterverkauft und umgemeldet werden, da interessiert es nicht, ob sie vor lauter Rost schon beinahe auseinanderbrechen. Und dann kommt unser gepflegtes Autochen und muss noch solche Strapazen erleiden. Hilft ja alles nichts. Um den potentiellen Käufern die Kaufentscheidung leichter zu machen, entscheiden wir uns daher, während unserer Zeit auf Vancouver Island den notwendigen Check durchführen lassen und fahren mit dem Explorer an einer Werkstatt vor. Die Nachricht, die wir dort ein paar Stunden später erhalten, ist zunächst recht niederschmetternd, denn es müsste einiges getan werden, bevor der Check als "bestanden" anzusehen ist. Die Kosten sind nicht abzusehen, insbesondere die Tatsache, dass das Airbaglicht leuchtet (wir hatten es bei zwei Werkstattaufenthalten jeweils fixen lassen, es kam aber immer wieder nach wenigen Tagen zurück), hält uns davon ab, die notwendigen Reparaturen und Verbesserungen an Ort und Stelle vornehmen zu lassen. Bringt ja nix, wenn der erwartete Verkaufspreis unter den etwaigen Werkstattkosten liegt. Again, hilft alles nichts, dann müssen wir den Käufern halt mit dem Kaufpreis entgegenkommen. Es stellt sich nun also die nächste Frage: Über welchen Kanal wollen wir unser Auto verkaufen? Ehemalige Weihnachtsmarktkollegen zeigen Interesse, gleichzeitig inserieren wir aber auch in den Work & Traveller Gruppen auf Facebook, hierüber hatten wir auch seinerzeit den Kauf angebahnt. Desweiteren informiert sich Frau T. in einem schier endlosen E-Mailaustausch sowohl bei der Zulassungsstelle in Nova Scotia, als auch in British Columbia, über die weitere Vorgehensweise. Wir wollen ja schließlich auf alles vorbereitet sein und nicht noch großen Hickhack beim Verkauf haben. Wenn wir schon die Last des Out-of-Province Checks auf die Käufer abwälzen, so wollen wir ihnen wenigstens die Bürokratie erleichtern. Denn natürlich ist auch hier alles wieder anders. Mussten wir in Nova Scotia noch zwischen Zulassungsstelle und Versicherungspüro hin- und hergondeln, so kann in Vancouver alles zentral bei einem Versicherungsbüro gemacht werden, das eine Zulassung zur Zulassung hat. Autoplan Broker schimpft sich das dann.

Platzwunder
Schnell melden sich die ersten Interessenten und wir vereinbaren Probefahrten, die Anfang Februar in Vancouver stattfinden. Selbstverständlich ist den meisten diese ganze Geschichte zu unsicher. Klar, unser Preis ist superfair, aber wenn man hier keinen Mechaniker kennt, der da mit dem Check was drehen kann, dann kann das ja alles viel zu teuer werden und überhaupt ist das natürlich zu aufwändig. Ganz ehrlich - kann ich verstehen. Aber trotzdem wollen wir die Karre loswerden, als Ziel haben wir uns dafür Mitte Februar gesetzt, damit das Auto zu unserem Florida"urlaub" schon neue Besitzer hat. Wie es das Schicksal dann aber so will, werden uns F. und C. geschickt. Ebenfalls ein Work&Travel-Pärchen aus Deutschland, ebenfalls "ein bisschen älter", und ebenfalls froh, schnell ein Auto zu finden. Die Probefahrt läuft gut, das anschließende Gespräch auch und schon am gleichen Tag geben die beiden uns grünes Licht - sie wollen das Auto kaufen. Feuerwerk! Konfetti! Fanfaren! Wir verabreden uns für 3 Tage später vor einem Versicherungsbüro, welches sich die beiden herausgeguckt haben, um das Geschäft dingfest zu machen. Obwohl wir ja, wie wir denken, alles bis ins kleinste Detail vorbereitet haben, sind wir, insbesondere Frau T., doch ein bisschen aufgeregt, ob alles gut läuft. Wir möchten natürlich, dass F. und C. das Auto erst kaufen und DANN zur Werkstatt fahren. Damit möchten wir nun wirklich nichts mehr zu tun haben, und laut Vince, Frau T.'s best Buddy bei ICBC (die Zulassungsstelle von British Columbia), ist das auch möglich. Auf dem Weg zum Versicherungsbüro (einen Tag vor unserem Flug nach Florida) gibt Frau T. ihrem Götter-Mr. T. natürlich noch wichtige Instruktionen wie: "Wenn die uns das Geld noch vorm Versicherungsbüro geben wollen, dann sagen wir nicht "nein, nein, hat doch Zeit", sondern wir nehmen es, ist das klar?". Keine Antwort, er weiß es nach 11 Jahren einfach besser, als jetzt darauf einzugehen. Wir fahren am Treffpunkt vor, F. und C. stehen bereits da, wir steigen aus, begrüßen uns und das erste, was F. sagt, ist: "Ich geb' Euch dann erstmal das Geld, ne?" Frau T. hält den Atem an, Mr. T. agiert aber nach Drehbuch und nimmt den Zaster dankend entgegen.

Gesammelte Werke
Wir betreten das Büro, Auftritt der Versicherungsangestellten Bernadette, weit über 60, Haare total verzaust. Frau T. trägt unser aller Anliegen vor und erklärt gleich, dass das Auto aus Nova Scotia ist, dass sie das aber schon abgeklärt hätte, die Käufer könnten es schon kaufen und versichern vor dem Out-of-Province Check, müssten dann nach "bestandener Prüfung" nur noch einmal zurückkommen, um das Vehikel auf sie anzumelden. Bernadette nickt, scheint wohl alles kein großer Akt zu sein und wir nehmen zu viert an ihrem Schreibtisch Platz. Wir haben alle notwendigen Unterlagen vorbei, sind ja schließlich anscheinend auf jede Eventualität vorbereitet, und schieben sie ihr zu. Doch schon nach wenigen Sekunden stutzt Bernadette, denn sie weiß nicht, wo unsere Führerscheinnummer auf dem entsprechenden Dokument zu finden ist. Wir sind ihr gerne behilflich, da entdeckt sie, dass wir deutsche Staatsbürger sind. Was? Deutsche? Sie selbst sei ja ursprünglich aus der französischen Schweiz...so was aber auch. Aber das hätte sie ja wirklich nicht gedacht. Von unserem Akzent her war sie sich so sicher, wir seien Isländer!? Nun gut, dann sind wir heute mal in Schwefelquellen badende Vulkanbesteiger. Wir lächeln freundlich und lassen sie weiter ihres Amtes walten. Sie breitet ein großes Formular aus, für das sie unsere Daten und die der Käufer benötigt und stutzt dann erneut, als sie den Kaufpreis hört. Dieser erscheint ihr viel zu niedrig. Frau T. erklärt, dass es sich schließlich um ein sehr altes Auto handelt und dass die Käufer ja die Kosten für den Check zu tragen hätten. Ja, das findet sie eh komisch. Das ist eigentlich nicht Usus. Normalerweise macht das der Besitzer, bevor er den Wagen veräußert. Bei uns isses aber anders, das teile ich ihr mit und sie fragt dann, ob die Käufer das wüssten und sich dessen bewusst seien, dass da zusätzliche Kosten auf sie zukommen? Jetzt bring die Neulinge doch nicht auf falsche Gedanken, Bernadette. Jaja, die wissen das.

Ford Explorer im Einsatz
Gerade erst besänftigt, treten nun jedoch Computerprobleme auf. Bernadette weiß nicht mehr, was sie machen soll und ruft etwa fünfmal bei ICBC an. Wir bedienen uns derweil mal am Lolliglas, das kann ein langer Vormittag werden. Es geht hin und her, immer wieder gibt sie die gleichen Daten ins System ein und immer wieder bekommt sie die selbe Fehlermeldung. Kollegen werden eingespannt, so dass parallel gearbeitet werden kann, aber irgendwie bringt das alles nicht. Sie lässt uns aber nicht an der Wurzel ihres Problems teilhaben, erst als sie vor sich hinstammelt, dass sie ständig die Meldung bekommt, das Auto sei schon in BC registriert, wird Frau T. hellhörig. Na klar, wir haben das ja damals von Leuten gekauft, die es in BC angemeldet hatten. Ja, ach, wenn sie das doch nur vorher gewusst hätte, das hätte ihr so viel weitergeholfen und Arbeit erspart. Dann hätte sie doch kein neues Profil anlegen müssen. Mittlerweile sind 75 Minuten vergangen und alles geht noch einmal auf Anfang. Bernadette hackt weiter auf ihrer Tastatur herum, aber dann stimmt schon wieder etwas nicht, denn das Auto war doch noch gar nicht beim Out-of-Province-Check! Verzweifelt versucht Frau T. ihr verständlich zu machen, dass sie ihr doch genau dies am Anfang schon mitgeteilt hat. Echt? Bernadette schüttelt die wirren Haare. Und wieder ruft sie bei ICBC an und bespricht sich mit den Kollegen. Uns wird in der Zwischenzeit zum dritten Mal Kaffee und Wasser angeboten. Dann legt sie den Hörer auf, dreht sich zu uns und sagt, dass das alles nicht so geht, wie wir das wollen. Frau T. hätte doch behauptet, dass die Käufer das Auto schon versichern könnten, das ist aber nicht möglich. Was? Frau T. fällt aus allen Wolken und beteuert Bernadette, dass sie wochenlang mit Vince (der hat sie doch wohl nicht belogen und betrogen?) im E-Mailverkehr stand und der ihr das Prozedere genau so bestätigt hat. Das möchte Bernadette nicht glauben. Wir tragen aber den E-Mailverkehr auf dem Handy mit uns herum, sollen wir ihr den zeigen? Nein, wir sollen ihr die Mail weiterleiten. Können wir dann bitte das Wlanpasswort erfahren oder einen der Computer nutzen, um uns ins Web.de-Postfach einzuloggen? Wir haben hier in Kanada kein Datenpaket fürs Handy. Nein, das ginge nicht, sie könnten keine privaten Mails öffnen im Büro..., als ob in Kanada web.de gesperrt sei. Mr. T. kommt dann auf die glorreiche Idee, wir könnten einfach einen McDonalds oder Starbucks in der Nähe aufsuchen, die haben doch immer kostenfreies Wlan. Ja, das wäre eine Möglichkeit, Bernadette zeigt quer über die Straße auf ein goldenes M. Frau T. nimmt Beine und Handy in die Hand und hechtet rüber...aber das Internet funzt net. Schnell wieder raus, kurz mal nach links und rechts geschaut, gibt es hier vielleicht noch Starbucks, Tim Hortons, Burger King, anything? Fehlanzeige. Frau T. eilt zurück ins Versicherungsbüro, mittlerweile schon leicht verzweifelt. DAS AUTO MUSS HEUTE WEG UND DIE KÄUFER SOLLEN NICHT ABSPRINGEN! Bernadette verweist doch noch auf einen nahen Starbucks, Frau T. rennt wieder raus und findet den Laden. Internet klappt, E-Mail wird verschickt, Frau T. ist Sekunden später zurück. Die E-Mail liegt schon ausgedruckt da, aber so wie wir es erzählt haben, würde es trotzdem nicht stimmen.

5*-Suite
Bernadettes Vorgesetzter winkt Frau T. zu seinem Arbeitsplatz und erklärt, dass das alles nicht so geht, denn F. und C. könnten das Auto noch nicht registrieren (HAB ICH DOCH NIE BEHAUPTET, DU BLÖDMANN!) und versichern auch nicht. Man könnte lediglich eine temporäre Versicherung für die Tage ausstellen, die das Auto in der Werkstatt ist (GENAU DAS WOLLEN WIR DOCH!) und wenn den Käufern dann die Reparaturkosten zu hoch sind und sie das Auto doch nicht mehr wollen, dass es dann trotzdem weiterhin auf uns läuft (NICHT SO LAUT, DU IDIOT!). Jajaja, ist alles klar. Bitte bitte, können wir jetzt gehen? Frau T. hat ja nach diversen amerikanischen Grenzüberfahrten gelernt, einfach mal die Klappe zu halten und bemüht sich auch jetzt um Contenance. Bernadette bereitet bereits alles für die TEMPORÄRE Versicherung vor, kassiert unser Nummernschild ein und händigt den Neubesitzern vorübergehende Kennzeichen aus. Geht doch! Wieso nicht gleich so? Wir verlassen das Büro, shaken noch mal hands, wünschen allzeit gute Fahrt und C. versichert, dass sie sich noch mal melden, wenn alles erledigt ist. Sie fahren jetzt umgehend zur Werkstatt. Ein letzter wehmütiger Blick auf unseren guten Freund, der am Horizont immer kleiner wird und Familie T. steigt in den Bus. Mr. T. feiert, wir sind um ein paarhundert Euro reicher. Frau T. steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Was, wenn die Reparaturen wirklich zu umfangreich sein sollten? Das Auto fährt einwandfrei, aber was, wenn die Airbagsache ins Uferlose ausartet? Was, wenn F. und C. dann sagen, sie wollen das Auto doch nicht? Rein rechtlich würde es dann immer noch uns gehören und wir müssten uns drum kümmern! Wird schon alles gut gehen, besänftigt Mr. T. Wir kümmern uns erstmal um unsere Pflichten, schicken das Abmeldeformular an die Nova Scotia Zulassungsstelle und informieren unsere Versicherung, dass das Auto nicht länger auf uns läuft und bitten um eine Rückerstattung der nicht in Anspruch genommenen Versicherungsmonate. Wir fliegen nach Florida und relaxen, naja, bis auf Frau T., die sich immer noch Gedanken macht. Es vergeht Tag um Tag und keine Nachricht von den Käufern. So langsam müsste die Mühle doch fertig sein. Endlich, nach 7 schier endlosen Tagen erreicht uns die Meldung, dass das Auto nun komplett auf F. und C. läuft, dass alles okay sei, bis auf die Tatsache, dass ihre Rucksäcke auf dem Werkstattparkplatz aus dem Auto geklaut worden sind. Das tut uns zwar aufrichtig leid, schmälert jedoch keineswegs unsere, insbesondere Frau T.'s, Erleichterung. Juchhu, Mission Autoverkauf accomplished! Unsere Freude steigt ins Unermessliche, als wir zurück nach Vancouver kommen und in unserem Briefschlitz ein Schreiben inklusive Scheck unserer Autoversicherung finden. Bekommt man in Deutschland lediglich die nicht genutzten und bereits gezahlten Versicherungsmonate erstattet, so berechnet sich hier die Erstattung wohl zusätzlich noch aus der Tatsache, ob man die Versicherung überhaupt in Anspruch genommen hat (nein, haben wir nicht), denn die Rückzahlung ist saftig und wir träumen bereits von einem Leben in Champagner und Kaviar. Doch wir sind halt auch nach 11 Monaten im wilden Kanada noch Reisende mit deutschen Tugenden und so lässt es sich Frau T. nicht nehmen, kurz noch mal bei der Versicherung nachzuhaken, ob das alles so seine Richtigkeit hat. You can take us out of Germany, but you can't take Germany out of us!

TransCanada Highway - starke Leistung!


Der Scheck, dessen Höhe im Übrigen und selbstverständlich völlig gerechtfertigt war, ist schon längst eingezahlt und wir werden demnächst mal auf F. und C., Vince und Bernadette anstoßen - und natürlich auf unser geliebtes Auto!

1 Kommentar:

  1. Hach ich kenne das, der Abschied von einem Auto das man lange gefahren hat ist wie der Abschied von einem guten Freund :(
    Alles Gute Explorer!
    " erklärt, dass das alles nicht so geht" - haha natürlich geht das.
    Gibt sogar Versicherungen die sich genau auf solche Fälle spezialisiert haben zb.: http://www.direkt-kurzzeitkennzeichen.de
    Manche Leute haben echt keine Ahnung :D

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